Wellenbrecher

  08.01.2026 Kolumnen, Uttwil , Salmsach, Romanshorn

Verdrängen
Verdrängen ist die höflichste aller Lebenslügen. Höflich nicht etwa, weil es sehr sozial wäre oder das Vertrauen, die Grundlage jeglicher Beziehung, fördern würde. Aber es kommt nicht mit Geschrei daher, sondern mit einem freundlichen Lächeln und mit der beruhigenden Aura, welche zu sagen scheint, dass nun nicht der richtige Zeitpunkt für eine Klärung wäre. Und weil der richtige Zeitpunkt bekanntlich nie kommt, bleibt das Unangenehme draussen vor der Tür – wie ein Paket, das man nicht öffnet, weil man ahnt, was drin ist.

Unsere Zeit hat das Verdrängen perfektioniert. Probleme heissen heute «Herausforderungen», Realitäten werden zu «Narrativen», und wer unbequeme Fragen stellt, gilt als unsensibel oder gar als radikal. Man schaut weg, ignoriert und hofft, dass es sich von selbst korrigiert. Hauptsache, es stört nicht beim Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Verdrängen funktioniert individuell wie gesellschaftlich nach demselben Muster: Erst relativieren, dann moralisieren, am Schluss pathologisieren. Was nicht sein darf, wird nicht diskutiert – sondern delegitimiert. Fakten werden nicht widerlegt, sondern nach einem sogenannten Faktencheck mit «Verschwörung» etikettiert. So bleibt das eigene Weltbild sauber, während die Wahrheit draussen vor der Tür friert.

Aus psychologischer Sicht ist Verdrängen nachvollziehbar. Es schützt primär vor Überforderung. Politisch und kulturell jedoch wird es gefährlich. Denn was verdrängt wird, verschwindet nicht. Es sammelt sich sowohl im Unterbewusstsein des Einzelnen als auch in der Volksseele und in Statistiken an und verursacht Spannungen, die irgendwann nicht mehr moderiert, sondern nur noch entladen werden können.

Ein Wellenbrecher tut deshalb etwas Unanständiges: Er schaut hin und benennt. Er erinnert daran, dass Wahrheit nicht verschwindet, nur weil sie niemand mehr aussprechen will.

Denn das, was wir heute verdrängen, löst sich nicht einfach in Nichts auf, sondern kommt irgendwann ans Licht. Was aber noch viel schlimmer ist, es kann sich irgendwann explosionsartig entladen, was dann nicht nur für den Verursacher, sondern auch für das Umfeld verheerende Folgen haben kann.

Wer die Wahrheit heute wegsperrt, darf sich morgen nicht wundern, wenn sie die Tür eintritt.

Daniel Frischknecht


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