Lukas Bärfuss: «Königin der Nacht», Rowohlt Verlag
22.10.2026 Kolumnen, Uttwil , Salmsach, RomanshornMargrit Stickelberger
Lukas Bärfuss «Königin der Nacht»
Rowohlt Verlag
Seine Mutter war keine Wunschmutter. Sie war eine wilde, lebensgierige, schöne Frau mit einem ungeheuerlichen Mundwerk. Sie ist der Sprache mächtig. Da wird auf die wüsteste Weise geschimpft. Das Kind ist überwältigt von ihren bösen Gefühlen den Menschen gegenüber. Es flüchtet in eine Fantasiewelt, ist Held, ein Superman, ein mächtiger Krieger.
Im ersten Buchteil geht es um den Tod der Mutter, die in Geldnot aus der Schweiz in die Karibik geflohen ist. Der Autor besucht sie nach Jahren und wird erschlagen von ihrem Redefluss. Vor allem die Einheimischen, die «fremden Affen», bedenkt sie mit ihrem Hass und ihrer Verachtung. Der Autor beschreibt ihr «Repertoire aus Zoten» als «eine rätselhafte sprachliche Umnachtung». Hat sie ihr sprachliches Waffenarsenal abgeschossen, fällt sie unmittelbar in einen Tiefschlaf.
Die Sprache als Waffe ist auch dem Autor eigen. Er beschreibt damit im zweiten Teil seine Jugend auf ergreifende Weise. Sein Überleben als fünfzehnjähriges Strassenkind und als Verdingbub bei groben und lieblosen Bauern. Woher nimmt der Junge die Kraft zum Überleben? Wahrscheinlich gleicht er auch darin seiner Mutter, die sich in schwierigen Lagen nicht unterkriegen lässt. Früh schon bildet er sich selbst mir der Hilfe eines im Müll erworbenen 33-bändigen Lexikons. Dieses erschliesst ihm die Welt. Es gibt da Fakten, Probleme und Lösungen.
In einem dritten Teil macht er sich Gedanken über den Umgang der Schweiz mit den Fahrenden, zu denen er seine Mutter zählt, die ihrerseits eine unbändige Verachtung für alles Fremde hat. Unsere Gesellschaft wird vom Autor (zu Recht) verurteilt wegen ihrer Haltung den Fahrenden gegenüber. Seine Kritik ist eine Verteidigung der Mutter und ein Verständnis für ihren Fremdenhass.
Trotz der Klage über die fehlenden Muttergefühle wird hier eine Frau gezeigt, deren Gefühlswelt eine ungeheure Kraft hat, der man als Kind und auch als Leser nicht gewachsen ist.

