Vergessene Pioniere der Tiefe: Wie zwei Ingenieure aus der Schweiz die U-Boot-Technik revolutionierten

  30.05.2026 Brennpunkt, Romanshorn

Wenn in der Schweiz von U-Booten die Rede ist, fällt meist schnell der Name Piccard. Dabei gerät oft in Vergessenheit, dass zwei andere Erfinder über mehr als vier Jahrzehnte hinweg die internationale U-Boot-Industrie entscheidend geprägt haben: die tschechische Maschinenbauingenieure Pavel Gross (geb. 1939) und Jaroslav Kohout (geb. 1945).

Als sich die beiden 1968 in der Schweiz im Kanton Aargau begegneten, begann eine Zusammenarbeit, die Geschichte schreiben sollte. Gross hatte bereits hinter dem Eisernen Vorhang beachtliche Erfahrung gesammelt. In Prag entwickelte er 1965 in Universitätswerkstätten das Unterwasserhaus «XENIE». Darin verbrachte er in der Adria jeweils drei Tage in Tiefen zwischen acht und 20 Metern –jedoch konnte das Projekt aus finanziellen Gründen nicht weitergeführt werden.

Der Traum vom eigenen U-Boot
Gemeinsam träumten Gross und Kohout davon, ein eigenes U-Boot zu bauen. Da sie dieses Projekt nur neben ihren eigentlichen Berufen in der Freizeit vorantreiben konnten, entschieden sie sich für ein radikales Konzept: ein Kleinst-U-Boot – so klein wie physikalisch möglich. Es sollte das kleinste Einmann-U-Boot der Welt werden, zugleich preiswert, leicht, einfach zu warten und unabhängig von einem Mutterschiff einsetzbar. Ein «Schweizer Taschenmesser» für die Unterwasserwelt.

Die Umsetzung erfolgte unter bescheidenen Bedingungen – in einer Garage. Dennoch hielten sich die Ingenieure strikt an die Vorgaben der Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd. In Sicherheitsfragen gingen sie keinerlei Kompromisse ein. Tests fanden unter anderem in der damals neuen Druckkammer der ETH Zürich statt. Aufgrund der extrem kompakten Bauweise mussten nahezu alle technischen Systeme neu entwickelt werden – einige davon waren ihrer Zeit voraus. Wie bei vielen Innovationen waren mehrere Anläufe nötig, um die gewünschte Zuverlässigkeit zu erreichen.

Deckel mit Bullaugen statt Plexiglasdom
1976 präsentierten sie schliesslich das Ergebnis: das Einmann-U-Boot E1. Es umschloss seinen Piloten fast wie ein gepanzerter Taucheranzug. Äusserlich unterschied es sich von seinem Nachfolger E2 vor allem durch einen Deckel mit Bullaugen statt eines Plexiglasdoms sowie ein kleineres Sichtfenster nach vorn. Insgesamt wurden drei Exemplare gebaut, die weltweit zum Einsatz kamen – etwa in der Forschung, bei Kabelinspektionen, Wracksuchen, Bergungen und sogar auf privaten Yachten.

Ein entscheidender Meilenstein folgte 1980: Der Meeresbiologe und Verhaltensforscher Prof. Dr. Hans Fricke wurde auf die Konstruktionen aufmerksam. Er beauftragte Gross und Kohout mit dem Bau eines Zweimann-Tauchboots. Finanziert wurde das Projekt durch eine Spende der Zeitschrift «GEO», die dem U-Boot auch seinen Namen gab.

Aussergewöhnlich erfolgreich und spektakuläre Entdeckungen
Der grösste Unterschied lag im vergrösserten Druckkörper, doch die bewährten Komponenten und Technologien aus dem E2 konnten übernommen werden. Das «GEO» erwies sich als aussergewöhnlich erfolgreich. In den folgenden Jahren gelangen Fricke und seinem Team spektakuläre Entdeckungen. Im Toplitzsee fanden sie in grosser Tiefe Würmer, die ohne Sauerstoff leben können. 1987 gelang im Indischen Ozean eine Sensation: Erstmals wurde ein lebender Quastenflosser (Latimeria) in seiner natürlichen Umgebung beobachtet – ein «lebendes Fossil», das lange als ausgestorben galt.

Nach 800 Tauchgängen und insgesamt 2350 Stunden unter Wasser wurde das «GEO» 1988 ausser Dienst gestellt. Es wurde durch das Tauchboot «JAGO» ersetzt, dessen Druckkörper für grössere Tiefen bis 400 Meter verstärkt wurde. Gebaut am Max-Planck-Institut in Bayern, übernahm auch dieses U-Boot zentrale Technologien von Gross und Kohout. «JAGO» blieb bis 2021 im Einsatz.

Ära bemannter Kleinst-U-Boote am Ende?
Mit dem Aufkommen unbemannter Tauchroboter schien die Ära der bemannten Kleinst-U-Boote zu Ende zu gehen. Gross und Kohout fanden für das Tauchboot E4, das auf 3000 m Tiefen tauchen konnten, kein Geldgeber. Doch ganz verschwunden ist sie nicht: Noch im Jahr 2026 war ein Einmann-U-Boot des Typs E2 in Dänemark in der Nord- und Ostsee im Einsatz – mehr als 40 Jahre nach seiner Entwicklung. Ein Beweis für die aussergewöhnliche Robustheit dieser Schweizer Konstruktionen.

Paganini plant Restaurierung und Modernisierung
Und die Geschichte geht weiter: 2026 kehrt dieses U-Boot in die Schweiz zurück – in den Privatbesitz von Silvan Paganini, der in der Presse bereits als «Daniel Düsentrieb vom Bodensee» bezeichnet wurde. Er plant eine vollständige Restaurierung und Modernisierung und kann dabei auf das Know-how von Jaroslav Kohout zurückgreifen, der inzwischen über 80 Jahre alt ist.

Warum ausgerechnet ein U-Boot? Paganini bringt es auf den Punkt: «Ich habe viele Wracks mit Tauchrobotern entdeckt. Aber etwas nur auf dem Bildschirm zu sehen, ist nicht dasselbe, wie es mit eigenen Augen zu erleben. Sonst müsste man nie verreisen – man könnte die Welt ja einfach am Bildschirm bestaunen.»

Eine Haltung, die zeigt: Der menschliche Entdeckergeist lässt sich nicht so leicht durch Technik ersetzen.

Redaktion / S. Paganini
 

Historie der Tauchboote E1,E2,F3 GEO

 

Video RAW U-Boot E-2 in Dänemark mit Mutterschiff / by Silvan Paganini

 


 


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